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Klassische Dressurarbeit auf dem Dressurplatz der Eichhof Akademie — Reiter und Hannoveraner in versammeltem Arbeitstrab
Ausbildung & Training

Klassische Dressur vs. klassisch-barocke Reitkunst: was unterscheidet die Wege?

Franziska Gutsche
Franziska Gutsche
Inhaberin & Geschäftsführerin · 10 Min. Lesezeit

Auf einen Blick

  • Klassische Dressur nach FN-Skala und klassisch-barocke Reitkunst teilen eine gemeinsame historische Wurzel — die Wiener Hofreitschule und ihre Vorläufer — gehen heute aber unterschiedliche Wege in Ausbildungsziel, Lektionswahl und Wettkampfanschluss.
  • Klassische Dressur (FN) zielt auf einen Wettkampfstandard ab und folgt einer kodifizierten Aufbaureihenfolge über die sechs Skala-Stufen bis Grand Prix. Klassisch-barocke Reitkunst hat oft keinen Wettkampfanschluss und arbeitet stärker an traditionellen Hochlektionen wie Piaffe und Schulterherein als Selbstzweck.
  • An der Eichhof Akademie arbeiten wir konsequent klassisch nach der FN-Skala der Ausbildung — mit dem Anspruch auf Turniertauglichkeit, aber mit dem inhaltlichen Anspruch der klassischen Reitlehre, der ohnehin allen guten Sportdressur-Ansätzen zugrunde liegt.

Die Begriffe ‘klassische Dressur’ und ‘klassisch-barocke Reitkunst’ werden im deutschen Sprachraum häufig vermengt — manchmal sogar bewusst, um Marketingvorteile aus dem klangvollen Wort ‘klassisch’ zu ziehen. Tatsächlich beschreiben sie zwei verwandte, aber unterschiedliche Wege der Pferdeausbildung. Wer die Unterschiede kennt, wählt bewusster, was zu sich selbst und zum Pferd passt.

In diesem Beitrag erklären wir die Wurzeln beider Wege, ihre heutigen Unterschiede in Methodik und Ausbildungsziel und wer für welchen Weg geeignet ist. Wir schreiben aus der Perspektive einer Sportreitanlage, die konsequent klassisch nach der FN-Skala der Ausbildung arbeitet — aber den Wert der klassisch-barocken Tradition kennt und respektiert.

Gemeinsame Wurzel — getrennte Wege

Beide Wege haben eine gemeinsame historische Wurzel: die akademische Reitkunst der Renaissance und des Barock, kodifiziert von Reitmeistern wie Federico Grisone (16. Jahrhundert), Antoine de Pluvinel (spätes 16./frühes 17. Jahrhundert, Akademiegründung 1594) und François Robichon de La Guérinière (frühes 18. Jahrhundert). La Guérinières “École de Cavalerie” von 1733 gilt als Grundtext der gesamten europäischen Reitlehre und ist bis heute Pflichtlektüre an der Spanischen Hofreitschule in Wien.

Im 19. und 20. Jahrhundert teilte sich diese gemeinsame Tradition in zwei Richtungen:

Linie 1 — die preußisch-deutsche Schule. Gustav Steinbrecht (1808-1885), Verfasser des “Gymnasium des Pferdes”, formalisierte die klassische Reitlehre für den militärischen und zivilen Sport. Aus dieser Linie entstand im 20. Jahrhundert die FN-Skala der Ausbildung und die heutige Turnier-Dressur bis Grand Prix.

Linie 2 — die süddeutsch-österreichisch-iberische Schule. Die Spanische Hofreitschule in Wien (gegründet 1572) pflegte die Tradition der hohen Schule mit ihren Schaulektionen — Levade, Courbette, Capriole. Außerhalb des Turniersports hielten Reitmeister wie Nuno Oliveira (Portugal, 1925-1989) und im deutschsprachigen Raum prägend der dänische Reitmeister Bent Branderup (Schule für Akademische Reitkunst) die klassisch-akademische Reitkunst lebendig. Aus dieser Linie speist sich die heutige klassisch-barocke Reitkunst.

Beide Linien teilen die fundamentalen Prinzipien — langsame Aufbauarbeit, Respekt vor dem Pferd, Versammlung als Krönung der Ausbildung. In Methodik, Lektionswahl und Wettkampfanschluss gehen sie heute unterschiedliche Wege.

Klassische FN-Dressur — die Methode in der Praxis

Klassische Dressur nach der FN-Skala der Ausbildung folgt einer klaren Logik:

  • Sechs aufeinander aufbauende Stufen — Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung
  • Ausbildungsziel: Turniertauglichkeit — die Methodik führt direkt in den Wettkampfsport bis Grand Prix
  • Kodifizierte Lektionsabfolge — von der Klasse E (Reitabzeichen) über A (einfache Vorhandwendungen) bis S (Pirouetten, Galoppwechsel, Piaffe-Passage)
  • Klare Beurteilungskriterien — jede Lektion wird nach Skala-Kriterien gerichtet
  • Schule, Trainerlizenz, Prüfungswesen — FN-Trainerlizenzen (Trainer C, B, A) bauen auf einem klaren Curriculum auf

In der Praxis bedeutet das: Ein klassisch ausgebildetes Pferd kann seine Aufgaben in der jeweiligen Klasse fehlerfrei vorstellen. Es geht klar, taktrein, anlehnungsbereit, im Schwung, gerade gerichtet und versammlungsbereit. Hochschule-Lektionen wie Spanischer Schritt oder Levade sind nicht Teil des Repertoires — sie würden in einer Turnierprüfung weder geritten noch belohnt.

Klassisch-barocke Reitkunst — die Methode in der Praxis

Klassisch-barocke Reitkunst folgt einer anderen Logik:

  • Hochschule als Ausbildungsziel — der Weg führt in Richtung Levade, Courbette, Spanischer Schritt, Capriole
  • Kein Wettkampfanschluss — diese Schule lebt in Vorführungen (Spanische Hofreitschule, Klassische Reitkunst-Festivals), nicht im Turniersport
  • Stärkere Betonung der Versammlungsarbeit — Piaffe und Versammlung werden teilweise früher und ausführlicher trainiert
  • Oft mit iberischen Pferden — Lusitano, Andalusier, Lipizzaner haben Versammlungsanlagen, die diese Arbeit erleichtern
  • Längere Aufbauphasen, geringere Kollektion an Lektionen pro Stunde

In der Praxis bedeutet das: Ein klassisch-barock ausgebildetes Pferd kann Hochschule-Lektionen, hat aber selten Turniertauglichkeit im FN-Sinn. Die Ausbildung läuft oft langsamer, mit mehr Fokus auf Versammlung und Hochschule.

Wo die Wege sich überschneiden

Trotz aller Unterschiede gibt es einen sehr großen Überschneidungsbereich. Beide Wege:

  • Arbeiten nach der Skala der Ausbildung (auch wenn klassisch-barocke Reitkunst sie selten so benennt)
  • Sehen Versammlung als zentrales Ausbildungsziel
  • Bauen langsam und systematisch auf, ohne Druck
  • Respektieren das Pferd und seine biomechanischen Grenzen
  • Trainieren Schulterherein, Travers, Pirouetten und andere klassische Lektionen

Ein guter klassischer FN-Trainer und ein guter klassisch-barocker Trainer würden sich in 80 Prozent der Methodik einig sein. Die Unterschiede liegen in den restlichen 20 Prozent — vor allem im Ausbildungsziel und der Lektionswahl jenseits der Grundlagen.

Verwechselungsgefahr: ‘klassisch’ im Marketing

Viele Reitlehrer und Höfe nennen sich heute ‘klassisch’, ohne dass damit klar ist, was gemeint ist. Das hat einen Marketinghintergrund — ‘klassisch’ klingt nach Tradition, Qualität, Respekt vor dem Pferd. Die Begriffsverwirrung ist daher Teil der Realität.

Wenn Sie eine Reitanlage oder einen Trainer prüfen wollen, fragen Sie konkret:

  • Arbeiten Sie nach der FN-Skala der Ausbildung?
  • Trainieren Sie nach Turnierklassen (E, A, L, M, S)?
  • Welche Trainerlizenzen oder Qualifikationen haben Sie?
  • Trainieren Sie auch Hochschule-Lektionen wie Levade oder Spanischer Schritt?

Die Antworten auf diese Fragen klären das Profil schnell.

Was wir an der Eichhof Akademie tun

Wir arbeiten konsequent klassisch nach der FN-Skala der Ausbildung. Unser Anspruch ist die Turniertauglichkeit bis Klasse S — sowohl bei eigenen Verkaufspferden als auch bei Reitschülern und Berittpferden unserer Einsteller. Unser Trainerteam um Cheftrainerin Dressur Kim Jesse (Dressurausbildung bis Grand Prix, Westfälische Dressurmeisterin) und Pferdewirtschaftsmeisterin Pia Anina Gerullis (Klassische Reitausbildung, mit Stationen in Berlin, Warendorf und international) trägt diese Methodik im täglichen Reitunterricht und in den Lehrgängen mit Karin Lührs und Christoph Hess.

Hochschule-Lektionen wie Spanischer Schritt, Levade oder Capriole gehören nicht zu unserem Programm. Das ist keine Ablehnung der klassisch-barocken Reitkunst, sondern eine bewusste Fokussierung auf das, was wir gut können — und auf das, was unsere Hannoveraner als typische Dressurwarmblüter am besten leisten.

Wer klassisch-barocke Reitkunst sucht, ist bei spezialisierten Reitlehrern dieser Schule besser aufgehoben. Wer klassische FN-Dressur mit dem Anspruch auf Turniertauglichkeit sucht, ist bei uns richtig.

Was Sie aus diesem Beitrag mitnehmen sollten

Drei Gedanken:

Erstens: Beide Wege haben ihre Berechtigung. Die Frage ist nicht ‘welcher Weg ist besser’, sondern ‘welcher passt zu mir und meinem Pferd’.

Zweitens: Klarheit über die Begriffe schützt vor Marketingverwechslungen. Wer ‘klassisch’ sagt, sollte spezifizieren, was gemeint ist.

Drittens: Die wirklich wichtige Frage ist nicht ‘klassisch-barock vs. FN’, sondern ‘guter Trainer vs. schlechter Trainer’. Beide Schulen produzieren großartige Reitpferde — und beide haben schwarze Schafe, die dem Pferd schaden.

Wenn Sie überlegen, ob die Eichhof Akademie zu Ihnen passt, vereinbaren Sie einen Besichtigungstermin oder besuchen Sie einen unserer Lehrgänge als Zuschauer. Sie sehen unser Profil schnell — und können entscheiden, ob es zu Ihrem Reitweg passt.

Vergleich der beiden Wege auf einen Blick

AspektKlassische FN-DressurKlassisch-barocke Reitkunst
Historische WurzelSteinbrecht, deutsche SchuleLa Guérinière, Wien, Iberien
AusbildungszielTurniersport bis Grand PrixHochschule, Vorführungen
Skala der AusbildungExplizite GrundlageImplizit vorhanden
LektionswahlTurnier-Repertoire bis SPlus Hochschule-Lektionen
WettkampfanschlussJa, direktSelten oder nicht vorhanden
Typische PferderasseWarmblüter (Hannoveraner u.a.)Iberische Rassen, Warmblüter möglich
TrainerlizenzFN-SystemVerschiedene Schulen
Profil Eichhof Akademie✓ HauptansatzNicht im Programm

Weiterführende Quellen

Verfasst von Franziska Gutsche, Inhaberin der Eichhof Akademie und Regionalvertreterin der Gesellschaft für Xenophon — Klassische Reitkunst und Pferdeausbildung e. V.

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